Robert Meile, Beauftragter für Studierende mit Behinderung / chronischer Krankheit an der Uni Potsdam, Quelle: Universität Potsdam
Inklusiv studieren – Geht das? – Ein Karusselblick aus der Perspektive Studierender und Beratender
Inklusiv studieren – Geht das? Die Antwort vorab: Na klar!
Henrik studierte Psychologie an der Universität Potsdam (UP), unterstütze dort im Team von Robert Meile, dem Beauftragten für Studierende mit Behinderung / chronischer Krankheit, arbeitet heute in Festanstellung in Brandenburg an der Havel bei der Lebenshilfe Brandenburg e. V. als psychologischer Berater und gibt Workshops zum Thema Leben im Rollstuhl an Schulen. Finn studiert an der Fachhochschule Potsdam (FHP) im Bachelorstudiengang Architektur & Städtebau. Er hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche, die sein Studium beeinflussen, aber, durch die gegebene Toleranz und Akzeptanz an seiner Hochschule, sein Studium nicht erschweren.
Beide Studierende vereint eins: ihre Erfahrungen zum Thema Inklusion im Studium samt ihres Alltags, ihrer Wünsche und ihrer Lifehacks, wenn es darum geht, ihr Studium zu absolvieren, dazuzugehören, gleichberechtigt Teil zu haben, gesehen zu werden und sich einzubringen.
Die bundesweite Studie best3 – beeinträchtigt studieren des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung und des Deutschen Studierendenwerks blickt im Jahr 2023 auf die Situation von Studierenden mit Behinderung oder chronischer Erkrankung und hält fest, dass etwa 16 % der 188.000 freiwillig befragten Studierenden eine studienerschwerende Beeinträchtigung angegeben. In den Jahren 2011 und 2016 waren es noch 8 bzw. 11 Prozent. Tendenz steigend! Wie die Hochschulen im Land Brandenburg darauf reagieren und wie sie sich „inklusiv“ aufstellen, welche Themen Studierende wie Henrik und Finn mit Beeinträchtigung beschäftigen und wie die Studierendenwerke als Ansprechpartner:innen in sozialen Fragen die Herausforderungen, Hürden und Mythen des inklusives Studierens in ihrem Beratungsalltag erleben, erfährst du im Rahmen einer Momentaufnahme, zu diesem mehr als komplexen Thema, im folgenden Blogartikel.
Ein ganz normaler Tag! Der Bus hält am Campus und schon beginnt das Blindenleitsystemhopping, das Tetris Spiel auf der Suche nach alternativen Räumen und Wegen und der Zeitdruck geprägt von eng getakteten Stundenplänen und Anwesenheitslisten. Die Realität an Hochschulen: Ein verschachtelter Campus mit Wegen aus Kopfsteinpflaster, fehlenden Leitsystemen, nicht automatisch öffnenden Türen, fehlenden Rampen, nicht-barrierefreien Toiletten, Seminarraumbeschilderungen ohne Brailleschrift, Bildschirme ohne Transkriptionssoftware sowie auf mehreren tausend Quadratmetern Campus „versteckte“ Rückzugsräume. Täglich stellt sich dies und vieles mehr und nicht direkt sichtbare als eine Herausforderung für Studierende mit einer körperlichen, chronischen und/oder psychischen Beeinträchtigung dar und wird zum „Alltag“ von durchschnittlich einer:einem von sechs Personen – so zumindest aktuell an der Uni Potsdam.
Willkommen im Studium mit Beeinträchtigung und im Spannungsfeld Inklusion! Doch was bedeutet das eigentlich? Inklusiv studieren bedeutet, dass Studierende mit und ohne Behinderung oder chronische Erkrankung gleichberechtigt, selbstbestimmt und barrierefrei am Hochschulalltag teilnehmen. „Inklusion“ allgemein ist damit der Prozess, bei dem sichergestellt wird, dass alle Menschen, unabhängig von ihrer Vielfalt, sich vollständig in ihre sozialen und institutionellen Umgebungen integrieren können. Hochschulen in Deutschland sind verpflichtet, Barrieren abzubauen, Nachteilsausgleiche zu ermöglichen und durch Beratungsstellen Teilhabe statt Fürsorge zu fördern. Deutschland hat sich 2009 spätestens mit der Zustimmung zur UN-Behindertenrechtskonvention zu diesem Ziel bekannt. Die Hochschulen im Land Brandenburg haben umgedacht, reagiert und sind mit ihren zahlreichen Maßnahmen „Eine Uni für alle“ zu schaffen auf dem richtigen Weg, aber eben noch „unterwegs“
Inklusion im Studialltag
Inklusion gehört somit zum Alltag Studierender sowie Hochschulangehöriger, ist kein Novum, doch, wie auch Robert Meile, Beauftragter für Studierende mit Behinderung / chronischer Krankheit an der Universität Potsdam, weiß, eine Aufgabe, die immer „in Progress mit Luft nach oben“ ist. Für ihn und sein Team der Zentralen Studienberatung zählt dieser Spagat zum Tagesgeschäft, in das er uns im folgenden Interview „kurz“ reinschauen ließ😉.
Herr Meile, was sind die typischen Fragen, die ein Studierender mit Beeinträchtigung im Kontext der Inklusion an Hochschulen im Land Brandenburg, wie z. B. der Universität Potsdam, stellen würde?
Sehr oft gefragt wird, ob Nachteilsausgleiche im Studium möglich sind und wie diese gestaltet werden können. Zudem befürchten viele aufgrund von Fehlzeiten für Therapien etc. die Regelstudienzeit nicht einhalten zu können und möchten wissen, was passiert, wenn diese überschritten wird. Studierende mit körperlichen Beeinträchtigungen interessieren sich ganz klar für die Barrierefreiheit der Uni. Allgemein wird den Kolleg:innen der Psychologischen Beratung natürlich oft die Frage gestellt, wie ein Studium und auch der Studienalltag mit einer Erkrankung / Behinderung vereinbar sind und wo es weitere Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten gibt.
Was ist der häufigste Mythos zum Thema Inklusion an Hochschulen, mit dem Sie in der Beratung aufräumen müssen, und welche Ermutigung möchten Sie Erstsemestern mitgeben?
Ganz wichtig und an erster Stelle: Du bist nicht allein, es gibt einige Studierende mit Beeinträchtigung und Behinderung an der UP, die sich gegenseitig unterstützen. So z. B. in der Barriere:Freizeit – ein studentisches Freizeit- und Communityangebot für behinderte, chronisch kranke und neurodivergente Studierende. Kennenlernen kann man diese Gruppe in ihrer studentischen Zoomberatung oder du schaust mal auf ihren Instakanal. Außerdem glauben viele auch immer noch, dass das Studium in der Regelstudienzeit absolviert werden muss. Da dies oftmals schwierig ist, kann ein Studium unter komplexen Lebensumständen aber auch in Teilzeit absolviert werden.
Kann man mit Beeinträchtigung „alles“ studieren?
Ja, grundsätzlich kann jedes Studienfach gewählt werden, du solltest aber trotz Nachteilsausgleichen schauen, dass die Inhalte und Lehrformate auch zu deiner Beeinträchtigung passen.
Nennen Sie bereits durchgeführte Maßnahmen der Inklusion an der Uni Potsdam und die Maßnahme, welche Sie noch als weitere wichtige umzusetzende Maßnahme erachten.
Die Universität Potsdam legt ihre Ziele und Maßnahmen zur Inklusion im Hochschulalltag in einem umfassenden Inklusionskonzept fest, welches jede:jeder einsehen kann und zeigt, dass die Uni Potsdam auf dem Weg zu einer inklusiven Hochschule ist. Mein Team, also die Zentrale Studienberatung der UP, und ich unterstützen Ratsuchende mit einem breit gefächerten und professionellen Beratungs- und Unterstützungsangebot. Dazu gehören die Beratung zu besonderen Schwerpunkten wie die Psychologische Beratung mit u. a. Beratungsangeboten für Studierende mit AD(H)S, die Beratung zum Studium mit Familien- und Pflegeaufgaben sowie die Beratung mit dem Schwerpunkt inklusive Studiengestaltung und ihrem Angebot aus zahlreichen Workshops zum Thema Wissenschaftliches Arbeiten u. v. m.. Außerdem gibt es auf den Campus der Uni Potsdam zahlreiche Rückzugsräume für Studierende mit Behinderung und chronischer Erkrankung und aktuelle Projekte wie z. B. die Ausstattung aller Hörsäle und Seminarräume mit Brailleschrift. Luft nach oben sehe ich persönlich in einem besseren Betreuungsschlüssel für Studierende mit Beeinträchtigung, der dazu beiträgt, dass in Lehrveranstaltungen besser auf einzelne Bedürfnisse Rücksicht genommen werden kann und man einen persönlichen Draht zur Lehrperson hat.
Und wie schaut es an der Fachhochschule Potsdam aus?
Auch Andreas Hülsen, Beauftragter für Hochschulmitglieder und -angehörige mit Behinderungen an der Fachhochschule Potsdam, kennt die Herausforderungen und Bedürfnisse inklusiv Studierender. Er ist in der Abteilung Studium angesiedelt und daher besteht ein enger Kontakt zu den Studierenden.
Andreas Hülsen, Beauftragter für Hochschulmitglieder und -angehörige mit Behinderungen an der Fachhochschule Potsdam
Herr Hülsen, was sind die typischen Fragen, die ein Studierender mit Beeinträchtigung im Kontext der Inklusion an Hochschulen im Land Brandenburg, wie z. B. der FHP, stellen würde?
Ich kann keine typischen Fragemuster erkennen, jedoch spielt zunächst einmal das Interesse am Studienfach ein große Rolle, bevor es um Fragen zur Vereinbarkeit des Studiums mit der individuellen Beeinträchtigung geht. Hier spielt dann die für das Studium verfügbare Zeit eine Rolle. Muss ich schnell fertig werden mit meinem Studium? Gibt es ein Teilzeitstudium? Bekomme ich dann trotzdem BAföG? Wer unterstützt mich bei meinem Studium, wenn ich wieder eine depressive Phase habe? Denken Sie, dass ich trotz meiner Lese- und Rechtschreibschwäche zu einem Studienabschluss kommen kann? Im Grunde hinterfragen die Studierenden (und vorher Studieninteressenten), ob es überhaupt eine Stelle an der Hochschule gibt, die sie unterstützt, wenn es mal „haken“ sollte, denn mit dieser Erfahrung kommen diese Menschen ja aus ihrer Schulzeit in eine Hochschule.
Was ist der häufigste Mythos zum Thema Inklusion an Hochschulen, mit dem Sie in der Beratung aufräumen müssen und welche Ermutigung möchten Sie Erstsemestern mitgeben?
Ich erlebe die Studierenden eher mit weniger Mythen behaftet, sondern durchaus „geerdet“. Aufgrund der oft jahrelangen Leidensgeschichte kennen sie Grenzen und Machbares zum Thema Inklusion und wissen, dass sie trotz allem individuelle Leistungen erbringen müssen für einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss. Es geht immer wieder um eine vertrauenswürdige Anlaufstelle für den Fall, dass es krankheitsbedingte Abwärtsspiralen gibt. Diese Bedenken kann ich direkt ausräumen, weil es Ansprechpartner:innen auf allen Hochschulebenen gibt. Mut machen ist sicher wichtig und richtig – gerne sage ich, dass der Weg zum akademischen Abschluss nicht die Kondition eines 100m-Sprints erfordert – sondern vielmehr die Ausdauer eines Marathons. Und dass wir als Hochschule die Rahmenbedingungen für diesen Marathon bei einer studienerschwerenden Beeinträchtigung gestalten wollen. Dabei gilt unser Motto: „Kein Studium light – gleiche Leistungsanforderungen, jedoch angepasst an die Lebens- und Belastungssituation.“
Kann man mit Beeinträchtigung „alles“ studieren?
Zunächst einmal muss ich feststellen, dass es eine im Grundgesetz verankerte Berufsfreiheit gibt – das finde ich eine absolut wichtige Festlegung. Die Berufsfreiheit berührt einen sehr wesentlichen Lebensbereich, denn Menschen ergreifen einen Beruf, um Geld für eine Lebensgrundlage zu verdienen. Aber die Wahl eines bestimmten Berufes erfolgt ja nicht allein „des Geldes wegen“; vielmehr spielen bestimmte Fähigkeiten und Begabungen eine wichtige Rolle. Die Entscheidung, welches Studium angepeilt wird, geht immer von der tragenden Überlegung aus, welcher Beruf den eigenen Interessen und Fähigkeiten entspricht. Der Beruf ist demnach zugleich „Lebensgrundlage und Lebensaufgabe“. Eingangs erwähnte ich das Grundrecht, welches die freie Wahl eines bestimmten Berufs und seine Ausübung berührt. Und so muss ich einer Beratung auch „gedacht“ werden. Meine erste Antwort auf diese Frage wäre also: „Ja, auch mit einer Beeinträchtigung muss erstmal alles möglich sein – mindestens in einer zielführenden Beratung.“ Die zweite Antwort ist dann realitätsnäher: Es wird nicht alles machbar sein. Wer im Rollstuhl sitzt aufgrund erheblicher Einschränkungen, wird wohl eher nicht Bauingenieur:in werden können…“ Und trotzdem bleibe ich bewusst im Konjunktiv. Es ist wichtig, dass der Studieninteressierte bereits frühzeitig erkennen kann, dass der gewünschte Beruf nicht „passt“ und es folgerichtig zu einer Studienwahlentscheidung kommen muss, die trotzdem seinen Interessen und Fähigkeiten entspricht!
Nennen Sie bereits durchgeführte Maßnahmen der Inklusion an der HS und die Maßnahme, welche Sie noch als weitere wichtige umzusetzende Maßnahme erachten.
Mit dem Betreuungskonzept „Bist du behindert?“ haben wir durchaus Strukturen an der Hochschule etabliert, die förderlich für unsere Studierenden mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und psychischen Beeinträchtigungen sind, dazu zählen ein fester Beratungstag, leicht zugängliche Antragswege, Anerkennung unterschiedlich- geeigneter Nachweise für die Beeinträchtigung, längere Bewilligungszeiträume und einiges mehr. Niemand soll und darf wegen einer Beeinträchtigung stigmatisiert werden – damit lehnen wir uns voll an Art. 1 der UN- Behindertenrechtskonvention an. Und das nicht, weil wir „müssen“ – sondern weil wir es „wollen“.
Weitere Maßnahmen sind zielführende Aktionen, die immer auf die Belastungs- und Lebenssituation angepasst sind, dazu zählen unter anderem finanzielle Unterstützung, Wohnraumbedarf, individuelle Studienplanung, qualifizierter Verweis zu Therapieoptionen ohne monatelange Wartezeit.
Es bestätigt sich hiermit: Gerade vor und am Anfang eines Studiums gibt es viele Fragen hinsichtlich der Studienzulassung und Organisation des Studiums zu klären. Besonders wichtig ist es deshalb, möglichst frühzeitig Kontakt zu professionellen Berater:innen aufzunehmen. Und wer berät dich an den brandenburgischen Hochschulen?
Wie erleben eigentlich inklusiv Studierende die „Inklusivität“ der brandenburgischen Hochschullandschaft?
Henrik, Alumni im Studiengang Psychologie an der Uni Potsdam
Lieber Henrik, was hast du an der Uni Potsdam studiert und wo arbeitest du heute?
Ich habe an der UP Psychologie im Bachelor studiert und habe das Studium im Juli 2025 abgeschlossen. Während des Studiums habe ich in der Studienberatung an der Seite von Robert Meile als Wissenschaftliche Hilfskraft und später dann als Verwaltungskraft gearbeitet. Hierbei waren meine Hauptaufgaben die Betreuung und Unterstützung von anderen Studierenden mit Beeinträchtigung oder das Abhalten von Workshops im Rahmen des Studienstarts. Diese Workshops für neu an der UP startende Studierende dienten der Erklärung und Einführung ins Studium. Mittlerweile habe ich das Studium beendet und eine Festanstellung in Brandenburg an der Havel gefunden. Dort arbeite ich bei der Lebenshilfe Brandenburg e. V. als psychologischer Berater. Neben der festen Stelle in Brandenburg gebe ich auch einem Herzensprojekt von mir noch meine Zeit und Energie: Ich gebe meist ehrenamtlich an Schulen und ähnlichen Einrichtungen Workshops zum Thema „Leben mit Rollstuhl“. Hierbei sollen die Teilnehmenden eine Möglichkeit für einen Perspektivwechsel in meine Welt bekommen und sich mit dem Thema neugierig auseinandersetzen. Ich versuche das Thema offen für alle zu gestalten und das Tabu endlich weiter aufzubrechen. Bisher wurde es auch an vielen Schulen sehr gut angenommen und ich werde es auch weiter anbieten.
Welches waren deine ersten Fragen, als du an die Hochschule gekommen bist/ während deines Studiums und wer hat sie dir beantwortet?
Die ersten Fragen, die ich klären musste, drehten sich hauptsächlich um die baulichen Begebenheiten und die Barrierefreiheit an der UP. Auch das Thema Nachteilsausgleich und dessen Beantragung ploppte auf. Diese Fragen konnte ich direkt und ohne Hürde an Robert Meile stellen. Ein kurzer E-Mail-Austausch und sofort ein Telefonat, schon waren meine Fragen erstmal geklärt. Die restlichen Fragen haben sich dann während des Studiums ergeben und dann habe ich mich auch wieder an Robert, sein Team oder die Lehrpersonen direkt gewendet. Es hat mir immer geholfen, proaktiv zu sein und nicht abzuwarten, bis ich in ein Problem laufe. Eine weitere sehr positive Erfahrung konnte ich mit einem anderen Rollstuhlnutzer vor dem Beginn meines Studiums machen. Er hat mich damals am Campus empfangen und dann sind wir die wichtigsten Orte und Wege zusammen abgefahren. Dabei konnte er mir dann alles Nötige zeigen und auch Hinweise und Tipps geben. Einige Jahre später habe ich dann seine Rolle übernommen und andere Studierende vor ihrem Studium über den Campus geführt. Also, was die Unterstützung angeht, war es immer ein Geben und ein Nehmen.
Wo sind und bleiben die Barrieren der Inklusion an Hochschulen/ auf dem Campus?
Nun, es gibt noch immer Strecken, Räume und Häuser, wo es Stufen, aber keinen Weg drumherum gibt. Oder wenn mal der Aufzug ausfällt, dann stehe ich (genauso wie andere, die darauf angewiesen sind) vor einem Problem. Auch die Wege an den verschiedenen Standorten, die noch mit sehr grobem Kopfsteinpflaster ausgestattet sind, stellen eine Herausforderung dar.
Gibt es einen Moment in deinem Studi-Alltag, in welchem du spürst, dass Inklusion richtig gut gelebt wird?
Ich denke immer dann, wenn von vornherein möglichst viele Aspekte mitbedacht sind. Bei Veranstaltungen der UP, bei der Unterstützung durch die Studienberatung und die WHKs und zum Teil auch bei der Ausrichtung der Lehrveranstaltungen. Dennoch ist es ein weiter Weg und immer noch weiter ausbaufähig.
Was möchtest du Studieninteressierten, die eine Beeinträchtigung haben, bei der Studienwahl auf den Weg mitgeben?
Ich würde Folgendes mit auf den Weg geben: Wenn es einen klaren Wunsch für ein bestimmtes Studium gibt, dann lasst euch davon nicht so leicht abbringen. Mit der richtigen Unterstützung und dem eigenen Willen ist so vieles möglich! Wenn ihr es schafft (im Sinne von „die Zeit und Energie dafür zu haben“), dann seid lieber proaktiv und sprecht/schreibt Lehrpersonen an, redet mit der Studienberatung und kommt mit euren Kommiliton:innen in Kontakt. Gemeinsam können die allermeisten Hürden überwunden werden.
Auch Finn, Student im Studiengang Architektur & Städtebau an der Fachhochschule Potsdam, erachtet die Maßnahmen und fachlichen wie auch menschlichen Unterstützungsangebote für inklusiv Studierende an seiner Hochschule für wertvoll und absolut positiv ausgeprägt.
Finn, Student der Architektur an der Fachhochschule Potsdam
Lieber Finn, welches waren deine ersten Fragen zum Thema inklusives Studieren, als du an die Hochschule gekommen bist und/oder während deines Studiums und wer hat sie dir beantwortet?
Meine allererste Frage war eigentlich, wie mich meine Legasthenie im Studienalltag beeinträchtigen wird/könnte. Doch schnell stellte sich heraus, dass außerhalb der Klausuren keine engen Zeiten für Texte existieren. Nun hatte ich nicht nur die Frage, wie und ob meine Legasthenie an der FH Potsdam anerkannt wird und wie der Umgang damit sein wird. Bereits nach dem ersten Beratungsgespräch mit Andreas Hülsen merkte ich sehr schnell, dass ich mich nicht alleine um einen Ausgleich kümmern müsste und immer einen unterstützenden Ansprechpartner an der Hochschule finde, der mit mir auf Augenhöhe agiert.
Wo sind und bleiben die Barrieren der Inklusion an Hochschulen/ im Hörsaal/auf dem Campus?
Da meine Beeinträchtigung sich nicht auf meine Kommunikation, meine Bewegungsfähigkeit oder meine Konzentration auswirkt, sondern lediglich das Lesen und Schreiben erschwert, sind meine einzigen Barrieren Texte auf Folien. Die meisten Profs verzichten in meinem Studiengang jedoch glücklicherweise auf überlange Texte, was mich im Studienalltag dabei unterstützt, permanent am Ball und auf dem Stand meiner Kommilitonen zu bleiben. Natürlich brauche ich einfach mehr Zeit zum Lesen und Schreiben, jedoch wird in meinem Studium darauf Rücksicht genommen und ich habe auch nie das Gefühl gehabt, dass meine Legasthenie negativ „gesehen“ wird.
Gibt es einen Moment in deinem Studi-Alltag, in welchem du spürst, dass Inklusion richtig gut gelebt wird?
Wie bereits erwähnt, erlebe ich dies in den persönlichen Gesprächen mit Andreas Hülsen, da ich durch ihn als offiziellen Ansprechpartner das gute Gefühl habe, von der FH Potsdam „gesehen und gehört“ zu werden und dies nicht als Pflicht, sondern um tatsächlich zu unterstützen. Doch auch meine Kommiliton:innen unterstützen mich, wenn es darum geht, schnelle Mitschriften zu schreiben oder längere Texte in Gruppenarbeiten zu verfassen. Ich bin dankbar, an einer Hochschule zu sein, wo Toleranz und Akzeptanz nicht nur Floskeln sind, sondern auch gelebt und umgesetzt werden, auch wenn es um vergleichsweise kleine Beeinträchtigungen wie meine Legasthenie geht, welche für Außenstehende vielleicht als nicht so wichtig empfunden wird.
Was möchtest du Studieninteressierten, die eine Beeinträchtigung haben, bei der Studienwahl und vielleicht direkt auch bei der Bewerbung oder Immatrikulation auf den Weg mitgeben?
Lasst euch beraten, welchen Nachteilsausgleich und welche Unterstützung ihr bekommen könnt, bevor ihr euch alleine über Barrieren kämpfen müsst. Eure Selbständigkeit hängt echt nicht davon ab, dass ihr es alleine schafft – es ist eher professionell, sich Support zu holen, um dann selbstständig die Anforderungen des Studiums zu schaffen. Meine Erfahrung: Ihr werdet immer jemanden finden, der, ohne zu urteilen, sein Bestes gibt, um euch zu unterstützen und euch dieselben Chancen zu ermöglichen, die ihr verdient habt und braucht!
Beratung auf allen Ebenen – die Perspektive der Studierendenwerke
Studieren unter besonderen Lebensumständen, ganz gleich, ob es um das Studium mit Kind, das Studieren mit Behinderung oder chronischer Erkrankung, die Studienfinanzierung, Sozialversicherungsfragen, Notlagen im Studium oder das Thema Jobben geht. Die Sozialberatungen der Studierendenwerke im Land Brandenburg kennen sich damit bestens aus. Sie sind Anlaufstelle für Fragen, die über das Studium und die Lehre an den brandenburgischen Hochschulen hinausgehen und betreuen Studierende aller Hochschulen nicht selten schon vor dem Studium. Wir haben nachgefragt bei Sozialberaterin Katrin Steffen aus dem Studierendenwerk West:Brandenburg und Annika Weißler, kommissarische Sachgebietsleiterin Beratung und Hilfe im Studierendenwerk Ost:Brandenburg. Beide geben uns einen Einblick, mit welchen Fragen sich insbesondere Studieninteressierte mit Beeinträchtigung an die Studierendenwerke wenden (können) und wie sie zum Thema inklusiv Studieren unterstützen.
Katrin Steffen in der Sozialberatung mit einer Studierenden im Studierendenwerk West:Brandenburg
Liebe Frau Steffen, wie viele Studierende (ungefähr) thematisieren ihre psychischen Probleme, physischen Beeinträchtigungen oder chronischen Erkrankungen in einem Termin der Sozialberatung oder Psychosozialen Beratung?
Das Thema spielt in beiden Beratungsangeboten eine wichtige Rolle. Im ersten Quartal 2026 hat etwa jede achte ratsuchende Person eine psychische Belastung, körperliche Beeinträchtigung oder chronische Erkrankung angesprochen. In der Psychosozialen Beratung waren es im gleichen Zeitraum 78 Studierende. Dort sind psychische Belastungen besonders häufig Anlass für ein Gespräch. Hier geht es häufig um psychische Belastungen, Krisen oder persönliche Herausforderungen im Studienalltag. In unserer Sozialberatung gab es fast 200 Gespräche zum Thema Studium mit Behinderung oder chronischer Erkrankung. In einem Viertel dieser Beratungen ging es konkret um einen Nachteilsausgleich, es stand also die Frage im Mittelpunkt, wie Nachteile im Studium konkret ausgeglichen werden können.
Welches sind aktuell die größten Herausforderungen für Studierende mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen und wie kann die Sozialberatung konkret (beim Nachteilsausgleich) unterstützen?
Ein wichtiges Thema ist die Finanzierung. Ein Studium mit chronischer Erkrankung oder Behinderung kann mit zusätzlichen Kosten verbunden sein. Gleichzeitig ist es für viele Studierende nicht oder nur eingeschränkt möglich, neben dem Studium zu arbeiten. Für diese Situation gibt es keine einfache pauschale Unterstützung. Je nach persönlicher Lage können aber verschiedene Leistungen infrage kommen, zum Beispiel BAföG, Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch oder Unterstützung im Teilzeitstudium. Auch eine Verlängerung der BAföG-Förderung kann möglich sein, wenn sich das Studium aus gesundheitlichen Gründen verzögert. Die Sozialberatung hilft dabei, die eigene Situation zu sortieren und passende Unterstützungsmöglichkeiten zu finden. Wir beraten auch dazu, wie ein Nachteilsausgleich aussehen kann und wo er beantragt wird. Dabei arbeiten wir eng mit den Inklusionsbeauftragten der Hochschulen zusammen. Oft geht es aber nicht nur um den Nachteilsausgleich. Wir unterstützen auch bei der Suche nach weiterführenden Hilfen, zum Beispiel Studienassistenz, Eingliederungshilfen oder betreutem Wohnen. Außerdem beraten wir beim Antrag auf Feststellung eines Grades der Behinderung, kurz GdB, oder eines Pflegegrades. Solche Nachweise können für bestimmte Unterstützungsleistungen wichtig sein.
Wie stellt das Studierendenwerk West:Brandenburg sicher, dass Studierende mit Beeinträchtigung barrierefreie Wohnmöglichkeiten finden, und welche Unterstützung gibt es beim Einzug?
Die Sozialberatung steht dazu im engen Austausch mit unserer Wohnheimverwaltung. In unseren Wohnanlagen gibt es barrierefreie Wohneinheiten. Diese sind überwiegend auf körperliche Beeinträchtigungen ausgerichtet. Teilweise gibt es auch Wohneinheiten mit einem direkt angeschlossenen Assistenzzimmer. In der Vergaberichtlinie zum studentischen Wohnen ist dabei festgelegt, dass schwerbehinderte Studierende und Studierende mit körperlichen Beeinträchtigungen bei der Vergabe von Wohnheimplätzen bevorzugt berücksichtigt werden. Das betrifft insbesondere Studierende mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50.
Studieren mit Beeinträchtigung ist oft teurer. Welche speziellen Finanzierungsmöglichkeiten oder Beratungsangebote (z. B. BAföG-Sonderregelungen) empfehlen Sie?
Wichtig ist, sich früh beraten zu lassen. Je nach Situation können unterschiedliche Möglichkeiten infrage kommen. Beim BAföG kann zum Beispiel geprüft werden, ob eine längere Förderung möglich ist, wenn sich das Studium wegen einer Erkrankung oder Behinderung verzögert. Außerdem können Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch eine Rolle spielen, etwa Mehrbedarfe oder Unterstützung im Teilzeitstudium. Auch Stipendien können eine Möglichkeit sein. Ein Beispiel ist die Aktion Luftsprung, die Stipendien für junge Menschen mit chronischen Erkrankungen vergibt.
Was ist der häufigste Mythos zum Thema Inklusion an Hochschulen, mit dem Sie in der Beratung aufräumen müssen, und welche Ermutigung möchten Sie Erstsemestern oder aktuell Studierenden (die sich noch nicht „geoutet“ haben) mitgeben?
Ein Studium mit Beeinträchtigung ist möglich. Die Hochschulen und auch die Studierendenwerke beschäftigen sich intensiv mit diesem Thema. Wichtig ist: Niemand muss eine Erkrankung oder Behinderung überall offenlegen. Ein häufiger Irrtum ist, dass ein Grad der Behinderung automatisch Nachteile bringt. Das stimmt so nicht. Einen GdB muss man nicht überall angeben. Er kann aber sehr hilfreich sein, wenn man Unterstützung beantragen möchte. Ein weiterer Irrtum ist, dass ein Nachteilsausgleich eine ungerechte Erleichterung sei. Genau das ist er nicht. Ein Nachteilsausgleich soll Nachteile ausgleichen, die durch eine Erkrankung oder Behinderung entstehen. Es geht also nicht um einen Vorteil, sondern um faire Studienbedingungen. Viele Studierende haben sich über lange Zeit an ihre Belastungen gewöhnt. Manche merken gar nicht mehr, wie stark sie im Alltag eingeschränkt sind. Deshalb ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen und sich beraten zu lassen. Beratung kann helfen, die eigene Situation besser einzuschätzen und passende Wege zu finden.
Ein Blick nach Frankfurt (Oder) zu Annika Weißler, Sachgebietsleiterin der Abteilung Beratung und Hilfe im Studierendenwerk Ost:Brandenburg
Liebe Frau Weißler, wie viele Studierende (ungefähr) thematisieren ihre psychischen Probleme, physischen Beeinträchtigungen oder chronischen Erkrankungen in einem Termin der Sozialberatung oder Psychosozialen Beratung?
Im Bereich der psychosozialen Beratung werden über alle drei Standorte hinweg pro Jahr durchschnittlich 170 Studierende beraten. Dabei handelt es sich jedoch nicht ausschließlich um Studierende mit Beeinträchtigungen oder chronischen Erkrankungen. Häufig sind auch Themen wie Lernstress, Prüfungsängste oder allgemeine psychische Belastungen Anlass für eine Beratung. Im vergangenen Jahr wurde durch die Berater:innen bei 28 Studierenden eine Weitervermittlung in ärztliche Behandlung empfohlen.
Welches sind aktuell die größten Herausforderungen für Studierende mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen im Raum Ostbrandenburg, und wie kann die Sozialberatung konkret (beim Nachteilsausgleich) unterstützen?
Das Studierendenwerk Ost:Brandenburg bietet aktuell noch keine eigene Sozialberatung an. Die Einführung dieses Angebots ist jedoch ab dem Wintersemester 2026 geplant. Hierfür soll eine Sozialarbeiter:in im Bereich Beratung und Hilfe eingestellt werden. Künftig sollen dann auch Beratungen zu Themen wie Nachteilsausgleich, finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten sowie allgemeine Hilfsangebote für Studierende mit Einschränkungen oder chronischen Erkrankungen angeboten werden.
Wie stellt das Studierendenwerk Ost:Brandenburg sicher, dass Studierende mit Beeinträchtigung barrierefreie Wohnmöglichkeiten finden, und welche Unterstützung gibt es beim Einzug?
An allen Standorten bietet das Studierendenwerk barrierefreie Zimmer an. Bei Bedarf unterstützen vor Ort außerdem die Wohnheimtutor:innen sowie die Hausmeister:innen, beispielsweise beim Einzug oder bei organisatorischen Fragen rund um das Wohnen.
Studieren mit Beeinträchtigung ist oft teurer. Welche speziellen Finanzierungsmöglichkeiten oder Beratungsangebote (z.B. BAföG-Sonderregelungen) empfehlen Sie?
Da das Studierendenwerk Ost:Brandenburg aktuell noch keine Sozialberatung anbietet, können Studierende derzeit insbesondere auf die BAföG-Beratung verwiesen werden. Grundsätzlich empfehlen wir außerdem, einen vorhandenen Grad der Behinderung (GdB) immer anzugeben. Dies kann beispielsweise bei Hilfsangeboten des Studierendenwerks wie der Nothilfe oder dem Mensarabatt relevant sein, da hierbei höhere Freibeträge berücksichtigt werden können.
Was ist der häufigste Mythos zum Thema Inklusion an Hochschulen, mit dem Sie in der Beratung aufräumen müssen, und welche Ermutigung möchten Sie Erstsemestern oder aktuell Studierenden (die sich noch nicht „geoutet“ haben) mitgeben?
Wir möchten alle Interessierten ausdrücklich dazu motivieren, den Schritt ins Studium zu wagen. Hochschule und Studierendenwerk stehen bei Fragen, Problemen oder Unterstützungsbedarf jederzeit als Ansprechpartner:in zur Verfügung und helfen gerne weiter.
Besser hätte es Frau Weißler in ihrer letzten Antwort nicht sagen können und der Karusselblick aus Berater:innen- und Studierendenperspektive zeigt: Inklusion, Behinderung und Barrierefreiheit sind mehr als Schlagworte – sie prägen den Alltag an brandenburgischen Hochschulen. Die bisherigen Schritte bestätigen, dass die Hochschulen, Studierendenwerke aber auch die Studierenden selbst für ALLE feste Sparringpartner in puncto Studienwahl und -planung sind. Sie haben sich der Aufgabe Inklusion ernsthaft angenommen und zahlreiche Maßnahmen erfolgreich umgesetzt. Von barrierefreien Gebäuden und digitalen Lernangeboten über Nachteilsausgleiche bis hin zu umfassender (finanzieller) Beratung und wohnortnahen Unterstützungsangeboten ist viel Bewegung hinein gekommen. Gleichzeitig, und das wissen wir insbesondere dank Henrik und Finn, bleibt der Weg klar: Barrierefreiheit muss weiter im Fokus stehen, individuelle Bedürfnisse anerkannt und flexibel begleitet werden. Es braucht eine robuste Finanzierung, weiterentwickelte Studienmodelle, eine maßgeschneiderte Beratung, damit niemand am Studium scheitert und vor allem, so Henrik: „die Integration inklusiv Studierender am Anfang der Planung jeder weiteren Maßnahme“.
Die gute Nachricht für dich: Inklusiv studieren ist also nicht nur möglich, es wird als bereichernd verstanden – für alle! Zögere daher keine Minute dein Studium anzugehen und hole dir die Hochschulen, Studierendenwerke, deine Familie, Freund:innen und Studierende an deine Seite, mit dem Ziel, vielleicht nicht nur zu studieren😉, sondern gemeinsam sichtbare und greifbare Inklusion zu schaffen!