Auslandssemester klingt nach einem großen Abenteuer. Verändert dich das Auslandssemester – so als Person?
Ja natürlich. Vor allem am Anfang musste ich ständig aus meiner Komfortzone treten: im Supermarkt einkaufen gehen ohne Spanisch zu sprechen, die Wohnungssuche aus der Ferne wuppen, auf andere Menschen zugehen, das bekannte Leben zu Hause (temporär) hinter sich lassen, erstmal komplett auf sich alleine gestellt sein, sich in einer völlig neuer Umgebung und einem anderen Land einleben, an Lehrveranstaltungen in meiner dritten Fremdsprache teilnehmen und vieles mehr. Das war und ist nicht ganz einfach. Dafür kehre ich aber am Ende meines Aufenthalts mit neuen Freundschaften, unglaublichen Erinnerungen, der Fähigkeit, eine neue Sprache zu sprechen und mehr Vertrauen in mich und was ich alles erreichen kann, wenn ich über meinen Tellerrand schaue, nach Deutschland zurück. Die Distanz zur Heimat hilft übrigens auch, alles, was man manchmal als selbstverständlich ansieht (Menschen, Orte, Essen, das eigene Zuhause), noch mehr zu schätzen, wodurch die Vorfreude auf die Heimreise steigt.
Wie unterscheidet sich die Uni in Santiago von der Universität Potsdam?
Der Inhalt der Vorlesungen ist ähnlich wie in Deutschland. Aber Physik lässt sich schließlich auch nicht neu erfinden. Die Bewertung und die Art der Lehre unterscheiden sich jedoch sehr von meiner Heimatuniversität. In den meisten Kursen gibt es hier eine Anwesenheitspflicht und die Note setzt sich meistens neben der finalen Klausur auch aus Zwischenklausuren und/oder Hausaufgaben und anderen Projekten während des Semesters zusammen.
Wie sieht für dich so ein typischer Tag an der Uni aus?
Meine Vorlesungen beginnen meistens um 10:30 Uhr. Das bedeutet, ich stehe so gegen 8:30 Uhr auf, damit ich genügend Zeit habe für das Frühstück. Dann laufe ich ca. 20 Minuten zu meiner Fakultät. Die Vorlesungen gehen bis in den frühen Nachmittag und nach einem schnellen Mittagessen zu Hause gehe ich zu meinem täglichen Spanischkurs am Nachmittag. Den Rest des Tages nutze ich dann zum Lernen, Entspannen und Zusammensein mit meinen Mitbewohnerinnen. Auch wenn ich dieses Semester 25 LP belege, ist das Pensum hier deutlich entspannter im Vergleich zur Uni Potsdam.
Was würdest du einem Studierenden raten, der:die Bedenken hat seine:ihre Wohnung aufzugeben und auch finanziell nicht so gut aufgestellt ist?
Ich bin in dieser Hinsicht sehr privilegiert, weil ich noch bei meinen Eltern wohnen kann und auch von diesen immer finanziell unterstützt werde, aber es gibt auf jeden Fall viele Möglichkeiten, im Auslandsstudium unterstützt zu werden. Und auch die Wohnung in Potsdam unterzuvermieten ist immer eine gute Lösung.
Was ist mit Fernweh? Vermisst du etwas oder jemanden aus Deutschland?
So verrückt wie es klingt, ich vermisse sehr die kulturelle Vielfalt an Restaurants in Berlin, am meisten Döner. Auch wenn die internationale Küche in Santiago leicht vertreten ist, mangelt es oft an Qualität. Darüber hinaus vermisse ich natürlich mindestens genauso sehr meine Familie und meine Freund:innen in Berlin und Potsdam. Da ich „noch“ so gut wie keinen Kontakt zu den Studierenden in meinen Physikmodulen hier habe, lerne ich meistens alleine und ich vermisse sehr die Unterstützung von meinen Unifreund:innen zu Hause sowie auch die gemeinsame Zeit außerhalb der Uni.
Was wirst du nach Abschluss des Semesters am meisten aus Spanien vermissen?
Die Deep Talks nachts mit meinen Mitbewohnerinnen, spanische Kaffeekultur, die Bars hier in Santiago, überall hinlaufen zu können und das Lernen in der Unibibliothek, die sehr ästhetisch ist.